Sonntag, 12. April 2026

Resultate Ältere

 Rückmeldung an die Teilnehmenden der Studie

 

Projekt: Altern, Trauma und Sprache bei älteren Jenischen
Leitung: Sandra Rossi

 

Liebe Studienteilnehmende

Vielen Dank, dass Sie an dieser Studie teilgenommen haben und bereit waren, aus Ihrem Leben zu erzählen. Ihre Zeit, Ihr Vertrauen und Ihre Offenheit haben diese Forschung überhaupt erst möglich gemacht.

Mit diesem Text möchte ich Ihnen in verständlicher Form zurückgeben, worum es in der Studie ging und was wir aus den Gesprächen gelernt haben. Dieser Text richtet sich ausdrücklich an Sie als Teilnehmende. Er ist keine wissenschaftliche Publikation und enthält keine Diagnosen oder Bewertungen einzelner Personen.

 

Worum ging es in dieser Studie?

In dieser Studie ging es um drei zentrale Themen:

  • das Älterwerden
  • belastende und verletzende Lebenserfahrungen
  • die Art und Weise, wie Menschen über solche Erfahrungen sprechen

Ein besonderer Fokus lag auf den Erfahrungen von jenischen Menschen in der Schweiz, insbesondere im Zusammenhang mit Diskriminierung und dem staatlichen Hilfswerk Kinder der Landstrasse.

Uns hat interessiert, wie ältere jenische Menschen auf ihr Leben zurückblicken, wie sie schwierige Erfahrungen einordnen und welche Worte oder Bilder sie verwenden, um darüber zu sprechen.

 

Wie wurde die Studie durchgeführt?

Wir habe mit jenischen Frauen und Männern Gespräche geführt. Diese Gespräche dauerten jeweils etwa eineinhalb Stunden und fanden an Orten statt, die für die Teilnehmenden passend waren.

Die Gespräche wurden aufgezeichnet, aufgeschrieben und sorgfältig ausgewertet. Dabei ging es nicht darum, einzelne Personen zu beurteilen, sondern gemeinsame Themen und Muster zu erkennen.

 

Welche belastenden Erfahrungen wurden beschrieben?

Viele der älteren Teilnehmenden berichteten von sehr schweren und einschneidenden Erfahrungen im Verlauf ihres Lebens. Besonders häufig genannt wurden:

  • die Zeit der Kinder der Landstrasse, insbesondere Trennungen von der Familie, Fremdplatzierungen und das Gefühl, ausgeliefert zu sein
  • wiederholte Erfahrungen von Ausgrenzung, Abwertung und Diskriminierung – sowohl früher als auch im späteren Leben

Viele beschrieben diese Erfahrungen nicht als einzelne Ereignisse, sondern als etwas, das ihr ganzes Leben geprägt hat. Manche berichteten, dass sie sich dadurch innerlich verletzt, verändert oder dauerhaft belastet fühlen. Andere erzählten, dass sie gelernt haben, mit diesen Erfahrungen weiterzuleben, auch wenn sie nicht vergessen sind.

 

Wie sprechen Menschen über diese Erfahrungen?

In den Gesprächen zeigte sich, dass viele Teilnehmende Bilder, Vergleiche und starke Ausdrücke verwendeten, um das Erlebte zu beschreiben. Dazu gehörten zum Beispiel:

  • Beschreibungen von inneren oder körperlichen Schäden („etwas ist zerbrochen“, „etwas wurde kaputtgemacht“)
  • Bilder von Kampf, Gewalt oder dauernder Anstrengung
  • Vorstellungen eines schweren oder langen Weges durchs Leben
  • Aussagen über Entmenschlichung, zum Beispiel sich wie ein Objekt, ein Tier oder „nichts wert“ zu fühlen

Diese Art zu sprechen zeigt, dass manche Erfahrungen nicht einfach mit normalen Worten zu erklären sind. Die Bilder helfen, anderen verständlich zu machen, wie tiefgreifend und belastend das Erlebte war.

 

Was hat die Studie über das Älterwerden gezeigt?

Viele ältere jenische Teilnehmende beschrieben das Älterwerden nicht nur negativ. Im Gegenteil:

  • Ältere Menschen werden innerhalb der jenischen Gemeinschaft oft sehr geschätzt
  • Sie gelten als Trägerinnen und Träger von Wissen, Erfahrung und Tradition
  • Viele berichteten von mehr Ruhe und Gelassenheit im Alter

Als belastend wurden vor allem körperliche Einschränkungen erlebt, nicht jedoch das Alter an sich.

 

Weitergabe von Erfahrungen an jüngere Generationen

In den Gesprächen wurde deutlich, dass die Erfahrungen der älteren Generation nicht bei ihnen enden. Viele jüngere jenische Menschen kennen die Geschichte der Kinder der Landstrasse aus Erzählungen innerhalb der Familie.

Mehrere Teilnehmende beschrieben, dass diese Weitergabe zwei Seiten hat:

  • Sie hilft, die Geschichte wachzuhalten und Unrecht nicht zu vergessen
  • Sie kann dazu beitragen, Kinder und Enkel zu schützen und aufmerksam zu machen

Gleichzeitig wurde auch beschrieben, dass dadurch Ängste, Misstrauen oder grosse Vorsicht weitergegeben werden können. Die Studie zeigt, dass diese Erfahrungen über Generationen hinweg nachwirken – nicht als Schuld, sondern als Teil einer gemeinsamen Geschichte.

 

Was bedeutet das Ergebnis der Studie?

Diese Studie zeigt:

  • Die Erfahrungen jenischer Menschen verdienen Anerkennung und Sichtbarkeit
  • Die Folgen der Kinder der Landstrasse sind tiefgreifend und langfristig
  • Gleichzeitig gibt es starke Ressourcen wie Zusammenhalt, kulturelle Identität und Lebenserfahrung

 

Was bedeutet diese Studie nicht?

  • Sie ist keine medizinische oder psychologische Diagnose
  • Sie bewertet keine einzelnen Personen
  • Sie erhebt keinen Anspruch, für alle jenischen Menschen zu sprechen


Weiterführende Informationen und Anhang

Zusätzlich sende ich Ihnen einen wissenschaftlichen Artikel mit, der aus dieser Forschung entstanden ist. Der Artikel ist fachlich geschrieben und richtet sich eher an Fachpersonen. Er ist nicht notwendig, um diese Rückmeldung zu verstehen, sondern dient als ergänzende Information für Interessierte. Anbei der Link: Google Drive

Meine Dissertation (bedauerlicherweise nur auf Englisch) ist öffentlich zugänglich unter folgendem Link: ResearchGate


Zum Schluss

Ich danke Ihnen nochmals sehr herzlich für Ihre Teilnahme, Ihr Vertrauen und Ihre Offenheit. Ihre Beiträge haben geholfen, ein Stück Geschichte und Erfahrung sichtbar zu machen, das lange übersehen wurde.

Wenn Sie Fragen zu dieser Studie haben oder etwas unklar geblieben ist, können Sie sich gerne melden.

Mit herzlichem Dank

Sandra Rossi

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