Rückmeldung an die Teilnehmenden der Studie
Projekt: Altern, Trauma und Sprache bei älteren Jenischen
Leitung: Sandra Rossi
Liebe Studienteilnehmende
Vielen Dank, dass Sie an dieser Studie teilgenommen haben
und bereit waren, aus Ihrem Leben zu erzählen. Ihre Zeit, Ihr Vertrauen und
Ihre Offenheit haben diese Forschung überhaupt erst möglich gemacht.
Mit diesem Text möchte ich Ihnen in verständlicher Form
zurückgeben, worum es in der Studie ging und was wir aus den Gesprächen gelernt
haben. Dieser Text richtet sich ausdrücklich an Sie als Teilnehmende. Er ist
keine wissenschaftliche Publikation und enthält keine Diagnosen oder
Bewertungen einzelner Personen.
Worum ging es in dieser Studie?
In dieser Studie ging es um drei zentrale Themen:
- das
Älterwerden
- belastende
und verletzende Lebenserfahrungen
- die
Art und Weise, wie Menschen über solche Erfahrungen sprechen
Ein besonderer Fokus lag auf den Erfahrungen von jenischen
Menschen in der Schweiz, insbesondere im Zusammenhang mit Diskriminierung und
dem staatlichen Hilfswerk Kinder der Landstrasse.
Uns hat interessiert, wie ältere jenische Menschen auf ihr
Leben zurückblicken, wie sie schwierige Erfahrungen einordnen und welche Worte
oder Bilder sie verwenden, um darüber zu sprechen.
Wie wurde die Studie durchgeführt?
Wir habe mit jenischen Frauen und Männern Gespräche geführt.
Diese Gespräche dauerten jeweils etwa eineinhalb Stunden und fanden an Orten
statt, die für die Teilnehmenden passend waren.
Die Gespräche wurden aufgezeichnet, aufgeschrieben und
sorgfältig ausgewertet. Dabei ging es nicht darum, einzelne Personen zu
beurteilen, sondern gemeinsame Themen und Muster zu erkennen.
Welche belastenden Erfahrungen wurden beschrieben?
Viele der älteren Teilnehmenden berichteten von sehr
schweren und einschneidenden Erfahrungen im Verlauf ihres Lebens. Besonders
häufig genannt wurden:
- die
Zeit der Kinder der Landstrasse, insbesondere Trennungen von der
Familie, Fremdplatzierungen und das Gefühl, ausgeliefert zu sein
- wiederholte
Erfahrungen von Ausgrenzung, Abwertung und Diskriminierung – sowohl früher
als auch im späteren Leben
Viele beschrieben diese Erfahrungen nicht als einzelne
Ereignisse, sondern als etwas, das ihr ganzes Leben geprägt hat. Manche
berichteten, dass sie sich dadurch innerlich verletzt, verändert oder dauerhaft
belastet fühlen. Andere erzählten, dass sie gelernt haben, mit diesen
Erfahrungen weiterzuleben, auch wenn sie nicht vergessen sind.
Wie sprechen Menschen über diese Erfahrungen?
In den Gesprächen zeigte sich, dass viele Teilnehmende Bilder,
Vergleiche und starke Ausdrücke verwendeten, um das Erlebte zu beschreiben.
Dazu gehörten zum Beispiel:
- Beschreibungen
von inneren oder körperlichen Schäden („etwas ist zerbrochen“, „etwas
wurde kaputtgemacht“)
- Bilder
von Kampf, Gewalt oder dauernder Anstrengung
- Vorstellungen
eines schweren oder langen Weges durchs Leben
- Aussagen
über Entmenschlichung, zum Beispiel sich wie ein Objekt, ein Tier oder
„nichts wert“ zu fühlen
Diese Art zu sprechen zeigt, dass manche Erfahrungen nicht
einfach mit normalen Worten zu erklären sind. Die Bilder helfen, anderen
verständlich zu machen, wie tiefgreifend und belastend das Erlebte war.
Was hat die Studie über das Älterwerden gezeigt?
Viele ältere jenische Teilnehmende beschrieben das
Älterwerden nicht nur negativ. Im Gegenteil:
- Ältere
Menschen werden innerhalb der jenischen Gemeinschaft oft sehr geschätzt
- Sie
gelten als Trägerinnen und Träger von Wissen, Erfahrung und Tradition
- Viele
berichteten von mehr Ruhe und Gelassenheit im Alter
Als belastend wurden vor allem körperliche Einschränkungen
erlebt, nicht jedoch das Alter an sich.
Weitergabe von Erfahrungen an jüngere Generationen
In den Gesprächen wurde deutlich, dass die Erfahrungen der
älteren Generation nicht bei ihnen enden. Viele jüngere jenische Menschen
kennen die Geschichte der Kinder der Landstrasse aus Erzählungen
innerhalb der Familie.
Mehrere Teilnehmende beschrieben, dass diese Weitergabe zwei
Seiten hat:
- Sie
hilft, die Geschichte wachzuhalten und Unrecht nicht zu vergessen
- Sie
kann dazu beitragen, Kinder und Enkel zu schützen und aufmerksam zu machen
Gleichzeitig wurde auch beschrieben, dass dadurch Ängste,
Misstrauen oder grosse Vorsicht weitergegeben werden können. Die Studie zeigt,
dass diese Erfahrungen über Generationen hinweg nachwirken – nicht als Schuld,
sondern als Teil einer gemeinsamen Geschichte.
Was bedeutet das Ergebnis der Studie?
Diese Studie zeigt:
- Die
Erfahrungen jenischer Menschen verdienen Anerkennung und Sichtbarkeit
- Die
Folgen der Kinder der Landstrasse sind tiefgreifend und langfristig
- Gleichzeitig
gibt es starke Ressourcen wie Zusammenhalt, kulturelle Identität und
Lebenserfahrung
Was bedeutet diese Studie nicht?
- Sie
ist keine medizinische oder psychologische Diagnose
- Sie
bewertet keine einzelnen Personen
- Sie
erhebt keinen Anspruch, für alle jenischen Menschen zu sprechen
Weiterführende Informationen und Anhang
Zusätzlich sende ich Ihnen einen wissenschaftlichen Artikel mit, der aus dieser Forschung entstanden ist. Der Artikel ist fachlich geschrieben und richtet sich eher an Fachpersonen. Er ist nicht notwendig, um diese Rückmeldung zu verstehen, sondern dient als ergänzende Information für Interessierte. Anbei der Link: Google Drive
Meine Dissertation (bedauerlicherweise nur auf Englisch) ist öffentlich zugänglich unter folgendem Link: ResearchGate
Zum Schluss
Ich danke Ihnen nochmals sehr herzlich für Ihre Teilnahme,
Ihr Vertrauen und Ihre Offenheit. Ihre Beiträge haben geholfen, ein Stück
Geschichte und Erfahrung sichtbar zu machen, das lange übersehen wurde.
Wenn Sie Fragen zu dieser Studie haben oder etwas unklar
geblieben ist, können Sie sich gerne melden.
Mit herzlichem Dank
Sandra Rossi
